| |
»Was
war das, das da eben war?«
Mit
Kindern längere Strecken Auto zu fahren, kann auch bei zügiger
Fahrt schlimmer sein als ohne sie unter sengender Sonne im Stau
zu stehen. Dann nämlich, wenn sich die Tachonadel bei etwa
140 Stundenkilometer eingependelt hat, die Kleinen bereits mehrfach
auf schmutzigen Autobahn-Raststätten zum Klo waren, die hundertfachen
Fragen danach, wann wir da sind, geduldig mit dem unzulänglichen
Hinweis »bald« beantwortet wurden und noch genügend
ungeblätterte Bilderbücher als Vorrat bis München,
wo wir vier zum Geburtstag guter alter Freunde eingeladen sind,
reichen müßten, damit das Fond-gebundene Gequängel
in erträglichem Rahmen bleibt. Die Strecke Hamburg-Kassel ist
gemeistert, es geht voran. Im Rückspiegel sehe ich die schmucklose
Stadt in der Mitte Deutschlands langsam kleiner werden. Und die
Kasseler Berge verlangen mit ihren nicht unerheblichen Steigungen
unserem untermotorisierten Mittelklassewagen alles ab. Er ächzt
unter Last der vierköpfigen Familie und des Gepäcks, darunter
unsäglich viele Kinderspiele. Und Windeln. Da geschieht es.
Das Schreckliche. Das Unfassbare. Seine kleine Schwester schläft,
als der Vierjährige die Frage stellt, auf die der Fahrer, sein
Vater, keine Antwort wissen wird. Auch seine Mutter nicht, die in
diesem Augenblick aus dem Halbschlaf kommend, ihren Ehemann entsetzt
ansieht. Von hinten piepst es mit einem ängstlich-ärgerlichen
Unterton, mitten hinein in die Kassetten-Musik von Gershwin, die
bis eben das Wageninnere in eine beschwingte Stimmung tauchte: »Was
war das?«, fragt der Filius und schlägt seine blauen
Augen weit auf. Selbstverständlich ist es pädagogisch
gesehen vollkommen unverantwortlich dieser Frage mit einer Gegenfrage
zu begegnen, aber nach bestem Wissen und Gewissen fällt mir
nichts anderes ein: »Was?«. Ich drehe die Musik leiser.
Meine Frau ist hellwach und erwartet die nächste Angriffswelle.
Der kleine Mann blickt seitlich aus dem Autofenster, die Mundwinkel
ziehen sich bedrohlich nach unten...
|
|