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Auf
Streife über der Ostsee
Wie die Bundespolizei mit
ihren Helikoptern Umweltdelikte verhindert
Rund 30 Jahre hat er auf seinem gewaltigen Buckel unter der knapp
17 Meter großen Rotorkreisfläche, die zusammen mit den
Turbinen einen derart infernalischen Lärm verbreitet, dass
selbst ein hochabdichtender Kopfhörer in der Kabine des Fluggeräts
keine wirkliche Hilfe gegen das drohende Gehörlosendasein darstellt:
„Puma“ heißt der Hubschrauber, der den Seefahrern
Tag aus Tag ein mit seinem Lärm und seinem horizontalen Überraschungsmoment
das Fürchten lehrt.
Er gehört zur Bundespolizei (ehemals Bundesgrenzschutz) und
soll mit seiner Präsenz über der Nord- und Ostsee vor
allem verhindern, dass ein Seebär auf die böse Idee kommt,
sich irgendwo auf dem Meer überflüssigen Öls oder
anderer Verunreinigungen zu entledigen – wie es noch bis vor
ein paar Jahren gang und gäbe war. Und wovon Urlauber von Borkum
bis Saßnitz ein trauriges Lied singen konnten.
Ganz und gar unmusisch geht es an Bord des Pumas zu. Die Piloten
Jörg Wöbcke (53) und Bernd Wigger (47) halten die 3.835
PS starke Maschine, die mit 250 Stundenkilometern über die
Wellen jagt, in 150 Meter Höhe über dem Wasser. Gestartet
sind sie in Neustadt an der Ostseeküste, wo die „Bundespolizeiinspektion
See“, wie Otto Schily die Außenstelle seiner maritimen
Dienststelle nennen ließ, ihren Sitz hat. Hinter den Fliegern
sitzt mittig der Ermittlungsbeamte Hans Klein (50), der mit seinem
High-Tech-Fernglas, das die Vibrationen des Rotors schluckt, Schiffe
unter die Lupe nimmt, denen sich der Helikopter nähert. „Eine
Ölspur erkenne ich auf den ersten Blick, weil sich die Wasseroberfläche
verändert – sie wird glatt und glänzend“,
erklärt Klein mit knarzender Stimme über Bordfunk.
Auch offene Ladeluken seien meist ein Zeichen, „dass da etwas
nicht mit rechten Dingen zugehen könnte“. Dann würde
in aller Regel gerade „gelüftet“, damit bestimmte
Reinigungsmittel, die nachts beispielsweise zusammen mit Kohleresten
über Bord geschwemmt wurden, nicht mehr zu riechen sind. Aber
das weitaus größere Problem stellen immer noch Kapitäne
dar, die Schiffsabwasser aus Toiletten, Duschen und Küchen
dem Meer überlassen, anstatt sie – wie vorgeschrieben
– im nächsten Hafen kostenpflichtig zu entsorgen. Oder,
sehr viel bösartiger noch, den ölhaltigen Schlamm („Sludge“)
ablassen, der beim Verbrennen von Schweröl als Kraftstoff der
gigantischen Schiffsantriebe entsteht. Denn auch „Sludge“
müssen sich die Skipper gegen eine nicht unerhebliche Gebühr
beim Liegeplatz fachmännisch abnehmen lassen.
Überhaupt ginge es bei Umweltdelikten immer ums Geld –
und die Zeit, oder beides, was die Ursachen und Wirkungen miteinander
verbinde, wie der Polizist Hans Klein weiß. Jetzt sei es allerdings
deutlich seltener geworden, dass sich die Crew über einen Pott
bringen muss, damit Flugtechniker Tino Müller (36), der zuständige
Mann für die Winsch, bei offener Tür und einer vertikalen
Annäherung bis auf 50 Meter eine Wasserprobe nach oben nehmen
kann, die den Täter im Idealfall überführt. So genau
seien die Laborberichte inzwischen, sagt Müller. Die Mannschaft
muss daher mit einem Zwiespalt leben: Einerseits hat ihre massive
Präsenz über den offenen Gewässern, unterstützt
von vielen Bundespolizei-Schiffen, Hafenkapitänen, Wasserschutzpolizeien
der Länder, Zoll, BKA und was sonst noch so an staatlichen
Kontrolleuren unterwegs ist (die Kontrollanweisungen bekommen, wenn
ein Schifffahrer auf einen Funkspruch nicht reagieren will und im
Nachherein in Häfen kontrolliert werden soll), für einen
starken Rückgang der Umweltdelikte gesorgt. Andererseits scheint
für die Polizisten die Spannung dahin. Unentwegt blickt zwar
Hans Klein durch sein Fernglas, melden die Piloten „Schiff
voraus!“, doch Klein entdeckt trotz erheblichen Verkehrs –
zumindest heute – nichts Verdächtiges.
Der Auftrag lautet daher: Strecke fliegen, viel Fläche erreichen
und sich so oft wie möglich zeigen. Taktik der Piloten: Darauf
zu, darüberkrachen und ab zum nächsten möglichen
Übeltäter. „Die Kapitäne der Schiffe sehen
und hören uns ja nicht nur einmal“, erklärt der
Einsatzleiter und Flieger Jörg Wöbcke das Vorgehen, „am
Vormittag erscheinen wir und am Nachmittag, nach dem Auftanken auf
dem Streifenflug zum Stützpunkt, noch einmal.“
Es geht vorbei an Europas größter Off-Shore-Windkraftanlage
vor der Küste Dänemarks weiter zu dem Nadelör namens
Kadet-Rinne zwischen Deutschland und Dänemark, einer der meistbefahrenen
und gefährlichsten Schifffahrtsrouten der Welt (nur 17 Meter
tief und vier Seemeilen breit), wo jedoch ebenfalls nichts Bedenkliches
zu erblicken ist. Und um kurz vor der Mittagspause einen Gesamtüberblick
zu bekommen, lässt Jörg Wöbcke den Vogel auf 2.000
Meter steigen. Schließlich erreicht der Puma Rügen. Pilot
Bernd Wigger fragt Hans Klein, ob er noch irgendwo einen verdächtigen
Kahn erspähen könne. „Nichts in Sicht“, meint
der. Nun steuert Bernd Wigger direkt auf die Kreidefelsen zu –
tausende Köpfe recken sich nach dem Puma – um dann vor
dem Königsstuhl, dem Thron der weißen Pracht, in einer
Linkskurve an den Felsen entlang Kurs auf den Flughafen zu nehmen.
„Ganz schön viele Leute am Strand“, kommentiert
Wigger und blickt auf seine Instrumente, „dafür, dass
wir nur 20 Grad haben.“ Nach einer butterzarten Landung warten
auf dem kleinen Flugplatz der Insel die Zapfpistole und das Mittagessen.
Ein sehr ordentlicher Kasselerbraten mit Salzkartoffeln und buntem
Gemüse. Die Beamten erzählen, nachdem die Ohren nach geschlagenen
15 Minuten wieder empfangsbereit sind.
Hans Klein muss die Schifffahrtsregeln kennen, denn die Bundespolizei
überwacht nicht nur die Sauberkeit der Meere, sondern auch
die Verkehrssicherheit. So sei es in der deutschen Bucht keine Seltenheit,
dass Kapitäne, weil sie Zeit sparen wollen, Vorfahrten missachten,
Richtungen nicht einhalten und im falschen Winkel kreuzen. Dann
schweben die Polizisten über dem Schiff, nehmen...

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